Landesliga: Böses Spiel mit den Nerven des Mannschaftsführers

ESV – Wolfsburg kurz vor Beginn
Kurz vor dem Beginn. Im Bildzentrum unser früheres Mitglied Dr. Gerd Rapin, der jetzt für Wolfsburg spielt.

Nach dem enttäuschenden 4–4 gegen den SK Ricklingen in der letzten Runde mußte gegen den noch punktlosen SC Wolfsburg unbedingt ein Sieg her, wenn wir nicht in einer sehr problematischen Lage in die Festtagspause gehen wollten. Letztes Jahr hatten wir mit 5½–2½ gewonnen, und wenn ich das richtig in Erinnerung habe, ging uns das damals vergleichsweise leicht von der Hand. Zunächst sah es auch ganz so aus, als könnten wir das wiederholen. Zwar war Martin W. wohl ganz froh, daß sein Nebenvariantenexperiment in einem frühen Remis endete, aber mit Schwarz war das okay. Dann endeten fast zeitgleich die Partien von Alexander und Ingram. Ersterem war zwar im Übergang zum Endspiel ein Bauer abhanden gekommen, aber wohl ohne die Remisbreite substanziell zu verlassen. Unmittelbar nach Erreichen der Zeitkontrolle stellte der Gegner jedenfalls die Bemühungen mit einem Remisangebot ein.

Ingrams Gegner spielte sehr schnell und beantwortete die meisten Züge ad hoc. Allerdings kam er mit der Eröffnung kaum zu Rande und erlaubte eine erfolgreiche Angriffsführung nach bekannten Mustern. Diese mündeten schließlich in ein technisch gewonnenes Endspiel, daß ich auch ohne große Mühe verwerten konnte. Während der Analyse kam dann auch die Nachricht, daß Peter gewonnen hatte. Er hatte ebenfalls schon einen ausgangs der Eröffnung errungenen Vorteil verwaltet und gemehrt, bis sich der Gegner in einer Schrecksekunde noch vor der Zeitkontrolle mattsetzen ließ.

Ich dachte zu diesem Zeitpunkt, daß das genauso läuft wie letztes Jahr. Aber als ich mit der Analyse fertig war, riß mich Martin unsanft aus allen Illusionen und teilte mir mit, daß Max, Benjamin und Robert wohl auf Verlust stünden. Ich eilte in den Spielsaal und und sah das Malheur: Tatsächlich, Robert hatte ein Dame-Turm-Endspiel, in dem der Gegner ein entferntes Freibauernpaar auf b und c einfach mehr hatte. Allenfalls die offene Königsstellung (beide hatten auf der Königsseite nur je einen Bauern) ließ ein paar technische Probleme in der Abwehr von Dauerschachs vermuten. Maximilian hatte wegen einer Fahrradpanne etwas Zeit vorgeben müssen und war in den letzten Zügen vor der Zeitkontrolle von einer ausgeglichenen in eine schwierige Stellung gerutscht. Und Benjamin, der ebenfalls vorteilhaft aus der Eröffnung gekommen war, hatte einen Königsangriff unterschätzt und mußte zwei Bauern geben, um zu Damentausch zu kommen. Das ließ ein 3–4 vermuten. Als Gerd mich frage, ob er auf Gewinn spielen müsse, mußte ich das leider bejahen, obwohl seine Stellung nicht vorteilhaft aussah. Und es wurde nicht besser. Eigentlich hatte ich Max auserkoren, vielleicht noch mit knapper Not ins Remis zu entwischen, aber seine Stellung verschlechterte sich zusehends und war nach dem Damentausch eigentlich völlig hinüber. Dann kam plötzlich die Nachricht, daß Robert mit wirklich entzückender Endspieltechnik Remis gehalten hatte. Das hätte ich nicht für möglich gehalten, vor allem nicht, nachdem der Gegner zu Damentausch gekommen war. Nur – Gerd hatte in seinem Bemühen, etwas aus seiner Stellung herauszuholen, überzogen und stand jetzt auf Verlust, was weiterhin ein 3½–4½ erwarten ließ. Es war schier zum Mäusemelken!

Das Wunder wurde dann von Benjamin eingeleitet. Er hatte zwar einen Bauern zurückgewonnen, stand aber in einem Turm-Springer-Endspiel in einer Fesselung, die sich nur unter Turmtausch auflösen ließ. Das Springerendspiel war eigentlich ziemlich verloren, aber sein Gegner (unser ehemaliges Mitglied Gerd Rapin) zögerte einmal zu viel. Er hätte Benjamins Freibauern einfach laufen lassen und selbst mattsetzen können, aber nachdem er sich zum Stoppen entschloß, war es plötzlich nur noch remis. Gerds Gegner ließ einen relativ einfachen Gewinn aus und gab dann in einer Stellung mit zwei Minusbauern auf. Tatsächlich war sie aber ziemlich elementar unentschieden. Und auch Max wollte dann bei den Weihnachtswundern nicht zurückstehen. Der Gegner hatte nach zwischenzeitlichen Schwächeln eigentlich den Gewinnweg im Turmendspiel schon gefunden, stolperte dann aber beim letzten Schritt über die Ziellinie – Remis! Und so ergab sich ein nicht für möglich gehaltener 5½–2½-Sieg, den wir bitter nötig haben. Es war aber wieder mal eine Demonstration für die Bedeutung von Endspielkenntnissen. Was nutzt der größte Vorteil, wenn dann die Technik fehlt, ihn durchzubringen? Der Spieltag im Ergebnisdienst des NSV.

Analyse Krause – Schätz
Analyse der Partie Maximilian Krause – Anatolij Schätz mit Benjamin Löhnhardt (links) und Martin Werner.

4 Kommentare

  1. Toller Bericht, Ingram!! Ich were mich jetzt auch mehr mit Endspieltechnik befassen! Das scheint elementar wichtig zu sein.
    Dein Bericht ist wirklich Werbung für Schachsport!!

  2. Danke für diesen Bericht, Ingram! Köstlich geschrieben… „Entzückende Endspieltechnik“…“Und auch Max wollte dann bei den Weihnachtswundern nicht zurückstehen.“
    😀 😀 😀

  3. Ja, sehr schöner Bericht! Das haben wir schon recht abgebrüht vorgetragen. Ganz souveräner Sieg 🙂

  4. Sehr schön zusammengefasst. Wenn ich auf die Spielberichtskarte gucke, frage ich mich immer noch wie das nur möglich war. Ein unglaublicher Wettkampf!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.