Schachgeschichte
 

                 
Die Abbildung zeigt die erste Seite  des auf Pergament geschriebenen lateinischen Textes der "Göttinger Handschrift".

Übersetzung von H. Schomaekers:
"Erste Regel
Eure Hoheit spielt den Königsbauern auf vier Punkte gezählt von der Stellung des Königs. Und wenn der Gegner dasselbe spielt, spielen Sie den Königsspringer auf drei Punkte gezählt von der Stellung des Königsläufers. Und wenn er den Bauern schützt mit dem Bauern des Königsläufers, nehmen sie seinen Bauern mit dem Springer. Und wenn er mit dem Bauern nimmt, geben Sie ihm Schach mit der Königin auf vier Punkte gerechnet von der Stellung seines Königsturmes. Und wenn er sich mit dem Springerbauern deckt, nehmen Sie seinen Königsbauern und geben Schach auf den Turm hin. Und wenn er sich nicht deckt und spielt auf den zweiten Punkt seiner Stellung ...."

 




Das Schachspiel entstand vermutlich im 5. Jahrhundert n. Chr.  in Indien, von wo aus es sich zunächst nach Persien  und dann weiter in die arabische Welt verbreitete.

Nach Europa gelangte das Brettspiel vermutlich im Gepäck maurischer Eroberer, die nach Spanien und Sizilien übersetzten.
Erstmals in der deutschen Literatur erwähnt wurde Schach um 1050.
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Die Göttinger Handschrift  (15. Jhh.)

Ein Bericht von M. Georg Grabitz,

erstmals veröffentlicht in der Festschrift "75 Jahre Niedersächsischer Schachverband e.V. ", Hannover 1999, unter dem Titel: "Über die 500 Jahre alte Göttinger Handschrift Philos.85".

Die Niedersächsische Staats- und Universitäts-Bibliothek Göttingen führt unter der Signatur "Philos 85" ein Büchlein, das große Bedeutung für die Schachgeschichte hat.

Es ist eines der frühesten Belege, die wir über das Schachspiel in seiner jetzigen Form zur Verfügung haben. 

Die heutige Gangart der Schachfiguren hat sich im wesentlichen in der zweiten Hälfte des 
15. Jahrhunderts eingebürgert.

Die entscheidenden Schritte waren, dass der schwerfällige Wesir, der nur je ein Feld in diagonaler Richtung ziehen konnte, durch die Dame abgelöst wurde und der Alfil, der diagonal nur auf das übernächste Feld springen durfte und damit überhaupt nur insgesamt 8 Felder des Schachbrettes betreten konnte, sich zu unserem heutigen Läufer entwickelte.
Nur die Rochade gab es noch nicht in ihrer gegenwärtigen Form und auch für die Bauernumwandlung und das En-passant-Schlagen wurden erst später einheitliche Regelungen gefunden.

Die Göttinger Handschrift enthält 12 Partieanfänge mit den neuen Schachregeln und 30 Schachaufgaben, unter denen auch welche sind, bei denen noch die alten Regeln angewendet werden.

Die "Erste Regel"
(nebenstehend die Übersetzung aus dem Latein)
beschreibt einen Partieanfang, der in moderner Darstellung so aussieht
1.e4 e5   2.Sf3 f6   3.Sxe5 fxe5   4.Dh5+ Ke7 5.Dxe5+ Kf7   6.Lc4+ d5  
7. Lxd5+ Kg6 8. Dg3+ Dg5   9.Db3 Dxg2   10.e5....

Die Göttinger Handschrift beschreibt die Züge umständlich, ganz ähnlich, wie das zuweilen noch bis in die achtziger Jahre  in der angelsächsischen Schachliteratur in abgekürzter Form geschah.
 
Auch wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, kein Latein gelernt hat, hat seine Freude daran, den Partieverlauf aus dem Text der Göttinger Handschrift herauszufinden:
Z.B. auf unserer Abbildung in der zweiten Zeile "pedonem regis ad quatuor punctos numerando de domo regis" ist ja wohl 1.e4 ("Den Königsbauer auf den vierten Punkt im Hause des Königs", denke ich mal.) und "Euer Gegner zieht gleichfalls so"  ist 1...e5 usw.

 Die beiden bedeutendsten Schachhistoriker des vorigen Jahrhunderts, der holländische Philosoph Antonius van der Linde und der deutsche Diplomat Tassilo von der Lasa, waren übereinstimmend der Meinung, die Göttinger Handschrift sei die älteste erhalten gebliebene Quelle, die das neue Schach mit Dame und Läufer behandelt.
Das ist heute umstritten.

Führende Schachhistoriker der Gegenwart sind der Meinung, ein 1496 oder 1497 in Spanien erschienenes Buch von Lucena, das durch Tassilo von der Lasa bekannt wurde, sei älter als die Göttinger Handschrift, die man nicht so genau datieren kann.

Das Hauptargument ist, dass in Partieanfängen und Problemen, die in beiden Büchern vorkommen, Fehler, die es in Lucenas Buch gibt, in der Göttinger Handschrift nicht mehr vorkommen und dass darin auch einige Varianten verbessert wurden.
Daraus wird geschlossen, dass der Verfasser der Göttinger Handschrift u.a. bei Lucena abgeschrieben habe und dabei eigene Verbesserungen angebracht habe.
Das klingt einleuchtend, ist aber nicht zwingend, zumal ein großer Teil der Partieanfänge in beiden Werken unterschiedlichen Varianten gewidmet ist.

Über die Herkunft der Göttinger Handschrift weiß man nicht viel.
Die Anrede "dominatio" in der ersten Zeile deutet darauf hin, dass sie für einen Fürsten angefertigt wurde. Das hat zu Spekulationen verführt.
Z.B. wird der damals bekannteste fürstliche Schachspieler, Karl der Kühne von Burgund (gefallen in der Schlacht von Nancy 1477), damit in Zusammenhang gebracht; er soll sie von König Alfons V. von Portugal geschenkt bekommen haben.

Meine Phantasie wird eher angeregt durch die freigehaltene Stelle am unteren Rand der ersten Seite (s.  Abbildung): Es sieht ganz so aus, als sei geplant gewesen, dort ein Wappen einzufügen. Und da es am Ende des Büchleins noch drei schon linierte freie Seiten gibt, von denen zwei mit leerem Diagramm versehen sind, scheint es mir so, als sei kurz vor der Fertigstellung etwas dazwischen gekommen und der Fürst, für den das Buch bestimmt war, hat es nie bekommen. Vielleicht ist uns dieses herrliche Schriftstück erhalten geblieben, weil es nie in einer fürstlichen Schatzkammer lag, sondern mehr oder weniger unbeachtet geblieben ist.

Sicher ist nur: die Göttinger Universitätsbibliothek hat die Handschrift im September 1752 von Dr. med  Fr. Boerner geschenkt bekommen. Vorn im Buch kann man dessen Widmung lesen. Ganz oben darüber befindet sich der Schriftzug 'J. B. Hautin', offensichtlich der Name eines früheren Besitzers.   

Namen sagen uns nicht viel. Schachspieler sprechen zu uns mit ihren Zügen; und da kann sich der Verfasser der Göttinger Handschrift durchaus sehen lassen.

Als Vergleich sei hier die Hauptvariante des oben angegeben Partieanfanges bei Lucena mitgeteilt
(entnommen aus: H.J.R. Murray, A History of Chess, Oxford 1962): 

1.e4 e5 2.Sf3 f6 3.Sxe5 fxe5 4.Dh5+ Ke7 5.Dxe5+ Kf7 6.Lc4+ d5 7.Lxd5+ Kg6 8.Dg3+ Kf6 9.Df4+ Kg6 10.Df7+ Kg5 11.d3+ Kg4 12.Df3+ Kh4 13.g3+ Kh3 14.Dh5+ Kg2 15.e5+  
Lucena übersieht ein einzügiges Matt (10.Lf7) und bezeichnet seinen letzten Zug 15. e5+  als "matt", obwohl 15.Dxd5 mit Gewinnstellung für Schwarz möglich ist.

Dagegen war der Verfasser der Göttinger Handschrift  vor 500 Jahren offensichtlich ganz auf der Höhe seiner Zeit. Seine "Octana Regula" beschreibt eine Partie mit modern anmutenden Angriff und Gegenangriff: 

1.e4 e5 2.Sf3 d6 3.Lc4 f5 4.d3 f4 5.d4 Df6 6.Sc3 c6 7.h3 Le6 8.d5 Ld7 9.dxc6 bxc6 10.b4 Le6 11.Lb3 Sh6 12.Lb2 a6 13 Tf1 Sf7 14.Kg1 (Rochade in zwei Zügen) 14...Le7 15.Lxe6 Dxe6 16.a4 g5 17.Sh2 h5 18.f3 Sh6 19.b5 Tg8 20.De2 g4 21.fxg4 hxg4 22.Sxg4 Sxg4 23.hxg4 Txg4 24.bxc6 Sxc6 25.Sd5 Ld8 26.c4 Ta7 27.Tf2 Th7 28.Dd1 Dh6 29.Kf1 Dh5 30.Df3 Dg6 31.Dd3 Th1+ 32.Ke2 Txa1 33.Lxa1 Txg2 
(entnommen aus A. van der Linde, Geschichte und Literatur des Schachspieles I, 1874)

Vielleicht etwas umständlich, aber ohne grobe Fehler. Wenn da nicht, den damaligen Regeln entsprechend, die weiße Rochade in zwei Zügen (13. und 14. Zug) durchgeführt worden wäre, dann könnte auch bei uns in der Bezirksliga solch eine Partie mit Bauernsturm  gespielt worden sein.

 Es ist schon schön, dass wir so 'was Feines hier bei uns in Niedersachsen liegen haben!

 Weiteres hierzu siehe auch unter. 
http://de.wikipedia.org     Suchwort: "Göttinger Handschrift"